Das Bild Israels in deutschen Schulbüchern

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 Der junge Journalist Gideon Böss kommt in seiner detaillierten Analyse über das Bild Israels in deutschen Schulbüchern, die er 2011 als Magisterarbeit an der Universität Potsdam vorlegte, zu erschreckenden Ergebnissen. Dabei untersucht er aktuelle Geschichts- und Politiklehrbücher und –themenhefte der großen Verlage Klett, Cornelsen und  Westermann, die nahezu den gesamten Schulbuchmarkt beherrschen.

Den Ausgangspunkt seiner Untersuchung bildet die Frage, ob der Darstellung und Entstehung Israels in deutschen Schulbüchern zu wenig Platz gewidmet wird und den Schülerinnen und Schülern deshalb kein umfassendes und objektives Bild Israels präsentiert wird. Doch nach der Durchsicht vieler Bücher kommt Gideon Böss zum Schluss, dass es keinen Mangel an ausführlichen Themenseiten zum Israel/Palästinakonflikt für den deutschen Schulunterricht gibt. Sein überraschendes und verstörendes Fazit lautet: Je mehr Platz der Konflikt in den Büchern einnimmt, desto mehr Fehler, Verzerrungen und einseitige Verurteilungen Israels finden sich.

Dies beginnt schon bei der Beschreibung der Staatsgründung Israels 1947/48. Die Vorgeschichte dieser Staatsgründung, d.h. die Geschichte des Zionismus und des Antisemitismus, die antijüdischen Pogrome in Osteuropa an der Wende zum 20.Jahrhundert, die Gründung Tel Avivs und vieler Kibbuzim und die Balfour-Deklaration fehlt in vielen Schulbüchern. Nirgendwo wird in den Büchern von einem Recht auf Heimat für Juden in Erez Israel ausgegangen. Nicht erwähnt wird in den Schulbüchern das Pogrom von Arabern an der jüdischen Bevölkerung Hebrons 1929, der arabische Aufstand von 1936 und das Bündnis, das der geistliche und politische Führer der Araber im britischen Mandatsgebiet, der Mufti von Jerusalem Amin al Husseini, während des Holocaust in seinem Berliner Exil mit der nationalsozialistischen Regierung schloss. Nur in einem Buch wird auf den Mufti überhaupt eingegangen, doch die referierten Fakten sind falsch und seine Rolle wird verharmlost.

Nicht unerwähnt bleibt dagegen in den deutschen Schulbüchern der UN-Teilungsplan von 1947. Er wird jedoch als für die Palästinenser ungerecht und inakzeptabel bezeichnet. Daneben findet sich die Aussage, die Staatsgründung Israels sei bis heute umstritten. Falsch ist die Darstellung des Teilungsplanes schon in ihrer Begrifflichkeit, denn vorgesehen war neben dem jüdischen Staat Israel kein palästinensischer, sondern ein arabischer Staat .
Nirgendwo wird in den Schulbüchern erwähnt, dass sich die arabische Bevölkerung des Gazastreifens und der Westbank erst seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 die Bezeichnung Palästinenser gab.

Eine falsche Terminologie findet sich auch bei der Darstellung des von den umliegenden arabischen Staaten als Vernichtungszug gegen die Juden geführten Krieges nach der Staatsgründung Israels 1948. Er gilt den Schulbuchautoren nicht als aggressiver Angriffskrieg, sondern als arabischer Abwehrkampf. Ebenso falsch und tendenziös ist ihre Beschreibung der sog. Vertreibung der arabischen Bevölkerung infolge dieses Krieges.
Während selbst arabische Historiker die Zahl der Flüchtlinge auf höchstens 750.000 beziffern, lesen deutsche Schülerinnen und Schüler in ihrem Unterricht von bis zu 1 Million Flüchtlingen.

Wesentliche Hintergründe dieses Ereignisses, wie vor allem der Aufruf arabischer Staatsführer an die arabische Bevölkerung, das Land zu verlassen, damit ihre Armeen die Juden ungestört ermorden können, werden in den Schulbüchern dagegen weitgehend verschwiegen. Auch verschwiegen wird, dass zur gleichen Zeit hunderttausende jüdische Flüchtlinge arabische und nordafrikanische Länder aufgrund des dortigen eliminatorischen Antisemitismus verlassen mussten.

Stattdessen wird der israelischen Seite in den Büchern vorgeworfen, lange vorher Pläne für einen Transfer der arabischen Bevölkerung in andere Länder geschmiedet zu haben und wird der Einzelfall des Massakers an (laut unterschiedlichen Quellen) 100-250 Einwohnern des arabischen Dorfes Deir Jassin durch die außerhalb der israelischen Armee kämpfenden, kleine Stern-Gruppe zum paradigmatischen Beispiel eines systematischen brutalen Vorgehens der Israelis gegen die Palästinenser erklärt. An einer Stelle findet sich sogar der haltlose und haarsträubende Vorwurf, Ressentiments von Holocaustüberlebenden seien in dieser Zeit verantwortlich für Massaker an Arabern gewesen.

Falsche Schuldvorwürfe gegenüber Israel prägen auch die Darstellung der Ergebnisse des Sechs-Tage-Krieges von 1967. Die UN-Resolution 242 vom November 1967 wird bruchstückhaft und falsch referiert. Allein die Passage, dass sich Israel aus besetzten Gebieten zurückziehen soll, wird zitiert. Ausgelassen wird u.a. die in der Resolution ebenso enthaltene Forderung an die arabischen Staaten, einem Frieden mit Israel auf der Basis sicherer und dauerhafter Grenzen zuzustimmen. Unerwähnt lassen die deutschen Schulbücher gleichfalls, dass die arabischen Staatschefs im August 1967 auf einer Konferenz in Khartoum mit 3 Neins jegliche Bereitschaft für einen Friedensschluss mit Israel kategorisch abgelehnt hatten: Nein zu einer Versöhnung mit Israel, Nein zu Friedensverhandlungen mit Israel und Nein zur Anerkennung Israels.

Die Phase vom Ende der sechziger Jahre bis zum Beginn der Intifada Ende der achtziger Jahre wird in deutschen Schulbüchern nur unzureichend analysiert. So lernen deutsche Kinder und Jugendliche fast nichts über den Jom-Kippur-Krieg von 1973, fast nichts über den Friedensschluss zwischen Begin und Sadat 1978 in Camp David und den anschließenden Rückzug Israels von der Sinai-Halbinsel und vor allem nicht über die vielen Flugzeugentführungen, Geiselnahmen und brutalen Überfälle palästinensischer Terroristen z.B. auf Schulen, die in dieser Phase die Weltöffentlichkeit schockierten. Ausgeblendet bleibt dabei auch die Geiselnahme und Ermordung israelischer Sportler bei der Olympiade 1972 in München und die fragwürdige Rolle, die die deutsche Regierung und ihr Einsatzkommando in Fürstenfeldbruck dabei spielte.

In der Beschreibung der Ersten und Zweiten Intifada seit 1988 durchzieht ein Grundton des Verständnisses und der Sympathie für die Militanz der Palästinenser die deutschen Schulbücher. So wird die Intifada als „Freiheitskriegs des palästinensischen Volkes” bezeichnet., hinsichtlich der PLO ist von einem „Partisanenkampf” die Rede.

Als Ursache für den Ausbruch der Zweiten Intifada im Jahr 2000 wird keineswegs die brüske Zurückweisung des weitreichenden Friedensangebotes von Ehud Barak durch Yassir Arafat in Camp David und dessen anschließende Mobilisierung der palästinensischen Bevölkerung zum Aufstand benannt, sondern in anekdotenhafter antiisraelischer Manier der Besuch von Ministerpräsident Ariel Scharon auf dem Tempelberg im Herbst 2000.

Das Sonderheft „Nahost-Der Kampf um das Heilige Land”, das Der Spiegel  gemeinsam mit dem Klett-Verlag für den Schulunterricht herausgab, spricht von der „Unnachgiebigkeit Israels” als Ursache für die Zweite Intifada und gibt der israelischen Regierung in Übereinstimmung mit anderen Schulbüchern und –materialien die Hauptschuld für das Scheitern von Camp David 2000 und den darauffolgenden Beginn des palästinensischen Selbstmordterrors.

Insgesamt wird der Terror palästinensischer Gruppen wie der Hamas und der Fatah in seinem für die israelische Bevölkerung lebensbedrohlichem Ausmaß in den Schulbüchern minimiert und mit Blick auf seine Ziele und Motivationen falsch referiert. Eine Definition von Terror, z.B. nach den Kriterien der UNO fehlt völlig. Immer wieder wird palästinensischer Terror mit israelischen Militäreinsätzen gleichgesetzt. Terroranschläge werden in technokratischer, das Schicksal ermordeter Juden und ihrer Angehörigen vergessener Weise als „Instrumentarium” der Palästinenser in ihrer Auseinandersetzung mit Israel benannt. Und während der israelische Sicherheitszaun zur Verhinderung weiterer Selbstmordanschläge durch Palästinenser errichtet wurde und dieses Ziel in beeindruckender Weise erreichte, finden deutsche Schülerinnen und Schüler in ihren Unterrichtsmaterialien keinen Hinweis auf diesen Zusammenhang.

Ebenso wenig wird in den Schulbücher Antisemitismus als Grund des irrationalen Judenhasses von Palästinensern benannt und wird auch nur angedeutet, dass dieser Judenhass ein wesentlicher Grund für das Scheitern aller Kompromisse ist. Es wird nirgends darauf eingegangen, dass Israel von Gruppen und Staatsregierungen bekämpft wird, die sich die Vernichtung aller Juden zum Ziel gesetzt haben. Wenn z.B. die Charta der Hamas in den Schulbüchern überhaupt erwähnt wird, dann werden alle Passagen, die die eliminatorischen antisemitischen Absichten dieser Terrororganisation belegen, ausgeblendet. Stattdessen lernen Kinder und Jugendliche in deutschen Schulen, die Palästinenser hätten keine andere Waffen als Selbstmordanschläge. Während Juden auf Terror in kühler Berechnung setzen, ist er für die Palästinenser nach Auffassung der Schulbuchautoren ein „Notwehrakt”. Die Verurteilung Israels zeigt sich für die Schülerinnen und Schüler schon in der Verwendung unterschiedlicher Worte sowie Aktiv- und Passivwendungen für Handlungen der beiden Konfliktparteien. So „ermorden” Juden ihre Opfer, durch Araber bzw. Palästinenser „kommt man” nur „um”. Nicht selten übernehmen deutsche Schulbuchautoren von Palästinensern geäußerte Vorurteile gegenüber Israelis als Fakten. So werden z.B. jüdische Einwohner Ostjerusalems als Siedler bezeichnet.

Im Ganzen betrachtet, ist das Bild, das die Schulbücher von Israel präsentieren, ein sehr verzerrtes und von Ressentiments geleitetes. So besteht die israelische Gesellschaft für die Autoren vornehmlich aus Soldaten, Orthodoxen und Siedlern. Sie ist geprägt von Haß, Chauvinismus und Brutalität. Sowohl die Beschreibung der Siedler als auch der orthodoxen Juden ist ausschließlich negativ. Die Palästinenser werden dagegen als Opfer und Flüchtlinge dargestellt. Das Zerrbild geht so weit, dass in einem Buch des Klett-Verlages behauptet wird, die Militarisierung des israelischen Denkens fange bereits im Kindergarten an – eine klare Projektion, da doch bekannt ist, dass die Erziehung zum Haß auf Juden und zum antisemitischen Selbstmordterror bereits in den palästinensischen Kindergärten beginnt.

Nirgendwo wird in den Schulbüchern auf die israelische Zivilgesellschaft eingegangen, auf die innovative Industrie, die kulturelle Vielfalt, die pulsierende Musik- und Partyszene und dass Israel in Sachen Demokratie und Bürgerrechte – trotz der permanenten Bedrohung – für viele europäische Staaten als Vorbild gelten kann.

Auffällig ist das kontinuierliche und durchgängige Bemühen der Schulbuchautoren, Israel nicht als normales Land, sondern als permanenten Konfliktherd festzuschreiben, in dem Palästinenser für sie die Opfer und Juden die Hauptschuldigen sind.

Nach der Lektüre der wichtigen Analyse von Gideon Böss ist festzuhalten:

Über den Nahostkonflikt wird in deutschen Schulbüchern zunehmend geschichtslos, d.h. ohne Benennung historischer Hintergründe berichtet. Einseitige Schuldzuweisungen gegenüber Israel sind stark verbreitet, von  einer fairen Berichterstattung über den jüdischen Staat kann keine Rede sein. Die Schulbuchverlage tragen eine bis heute viel zu wenig beachtete Verantwortung dafür, dass das Bild Israels in der deutschen Öffentlichkeit ein negatives, vorurteilsbehaftetes und von Ressentiment  bestimmtes ist. Es ist dringend erforderlich, dass eine von den Schulbuchverlagen unabhängige Kommission zur Überarbeitung aller Israel betreffenden Lehrmaterialien in deutschen Schulen eingesetzt wird.

 Dr. Klaus Thörner ist Mitglied von SPME Germany

Das Bild Israels in deutschen Schulbüchern

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