Benjamin Weinthal: Zentrum für Antisemitismusforschung „ignoriert” Antisemitismus

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Die steigende Unzufriedenheit mit der Leitung des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) hat sich seit der vom ZfA im Dezember durchgeführten Konferenz „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ weiter verstärkt. In der Konferenz des aus Steuermitteln finanzierten Berliner Zentrums wurde der Hass auf Juden mit der Diskriminierung von Muslimen gleichgesetzt.

Die Gleichgültigkeit des ZfA angesichts des ausgeprägten linksgerichteten und islamischen Antisemitismus in Deutschland und Europa während der israelischen Militäroffensive im Gazastreifen löste eine scharfe Kritik von bekannten deutschen Persönlichkeiten aus. Unter den Kritikern befinden sich unter anderem eine Bundestagsabgeordnete der CDU sowie das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem.

„Das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung ist größtenteils auf klassischen Antisemitismus und Rechtsextremismus fixiert. Linker und islamischer Antisemitismus werden weitgehend ignoriert.“, erläuterte Kristina Köhler, Abgeordnete der CDU und führende parlamentarische Expertin für Islam, Integration und Extremismus, gegenüber der Jerusalem Post.

Das Zentrum sei „blind“, wenn es die neuen Formen des Antisemitismus nicht sehen wolle, so Köhler.

Die antiisraelischen Massendemonstrationen im Januar wurden größtenteils von arabischen, türkischen und palästinensischen Gruppen organisiert und unterstützt. Politiker der linken Parteien im Bundestag forderten ihre Mitglieder zur Teilnahme an den Kundgebungen auf. Durch Rufe, wie „Vergast die Juden“, „Juden raus aus Deutschland“, „Tötet die Juden“ und „Tötet die Israelis“ wurden die Kundgebungen zu einer Bühne für den Hass auf Juden und Israelis.

Währenddessen betrieb das Berliner ZfA eine „Vogel-Strauß-Politik“. Der „wachsende Antisemitismus in der Folge des Militäreinsatzes im Gazastreifen“ und die „Umkehrung des Holocausts“, durch die Israel mit Nazi-Deutschland verglichen wurde, waren für das ZfA kein Thema, erklärte Dr. Efraim Zuroff, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem.

Das Berliner Zentrum habe „Angst davor, die Muslime zu beleidigen und sich diese zum Feind zu machen“, so Zuroff.

Zuroff sagte der Jerusalem Post, dass die größte Bedrohung für Israel vom Iran ausgeht. Er kritisierte das Berliner Zentrum insbesondere für seine Gleichgültigkeit gegenüber der genozidalen Drohung des Iran gegen Israel. „Warum erforschen sie den Antisemitismus, wenn sie ihn nicht bekämpfen wollen?“, fragte er.

Zu dem massiven Ausbruch von antisemitischen Protesten in Deutschland ergänzte Dr. Elvira Grözinger, Stellvertretende Leiterin von Scholars for Peace in the Middle East und Wissenschaftliche Beraterin für Erwachsenenbildung am Kollegium Jüdische Studien: „Es gibt eine große Verwunderung darüber, dass das Zentrum geschwiegen hat – sehr laut geschwiegen hat.“

Der bekannte Historiker und Auschwitz-Überlebende Dr. Arno Lustiger, Autor wegweisender Bücher über den jüdischen Widerstand während des Holocausts, sagte der Jerusalem Post, dass „das Zentrum für Antisemitismusforschung nahezu ausschließlich den rechten Antisemitismus im Auge hat. Sie befassen sich nicht mit linkem oder islamischem Antisemitismus.“.

Auf die Frage, warum das ZfA seine Forschung weitgehend auf den nationalsozialistisch geprägten Antisemitismus konzentriert, antwortete Lustiger: „Das hat eine entlastende Funktion. Wenn man etwas erforscht, das bereits stattgefunden hat, erleichtert man sein Gewissen.“

Bezogen auf die antisemitischen Sprechchöre während der antiisraelischen Demonstrationen im Januar und die Passivität des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, fragte Lustiger: „Ist es etwa kein Antisemitismus, wenn Sie die Juden ins Gas schicken wollen?“

Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung und seine Kollegin Dr. Juliane Wetzel haben eine kommentierende Stellungnahme zu den mehrfach erfolgten Anfragen der Jerusalem Post bisher abgelehnt.

Der mehrfach ausgezeichnete deutsch-jüdische Journalist Henryk Broder, der das mutmaßliche Versagen des Berliner ZfA in der Auseinandersetzung mit dem „islamisch motivierten Antisemitismus“ und dem steigenden, gegen Israel gerichteten Antisemitismus scharf kritisiert hat, nannte das ZfA „Berliner Zentrum für Antisemitismusverharmlosung“.

Broder, Journalist des Spiegel und maßgebender Experte auf dem Gebiet des deutschen Antisemitismus, erklärt in seinem viel gelesenen Blog „Die Achse des Guten“: „Solange Antisemitismusforscher der Frage nachgehen, WARUM Juden verfolgt werden, statt sich zu fragen warum JUDEN verfolgt werden, liefern sie ohnehin nur Alibis für arbeitslose, deklassierte und an sich selbst leidende Antisemiten.“

„Wenn Juliane Wetzel vom Berliner ZfA zum Beispiel schreibt, der islamische Antisemitismus unter den in Europa lebenden Muslimen sei eine ‚Reaktion auf soziale Ausgrenzung und Chancenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt’, dann reproduziert sie nur antisemitische Stereotype, erklärt aber nicht, warum junge arbeitslose Moslems zu Antisemiten mutieren – statt ihren Frust an Radfahrern, Rauchern oder Rechtsanwälten abzureagieren.“

Broder monierte die Trägheit des Zentrums für Antisemitismusforschung angesichts des jüngsten Ausbruchs antisemitischer Proteste während der Operation Cast Lead in Gaza: „Noch überraschender war jedoch das Schweigen von Experten, die nicht einmal einen Leserbrief riskiert haben und sich stattdessen hinter ihrem akademischen Status verbarrikadiert haben.“

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Dieser Artikel ist in englischer Sprache am 15. Februar 2009 in der Jerusalem Post erschienen: http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1233304787999&pagename=JPost%2FJPArticle%2FShowFull . Der Text wurde von Kirsten Tenhafen ins Deutsche übersetzt.

Benjamin Weinthal: Zentrum für Antisemitismusforschung „ignoriert” Antisemitismus

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Benjamin Weinthal

Benjamin Weinthal is a European correspondent at The Jerusalem Post and a fellow at the Foundation for Defense of Democracies.


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