Review of Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. (The Language of Enmity toward Jews in the Twenty-First Century)

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Review of Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. (The  Language of Enmity toward Jews in the Twenty-First Century)
Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert (Europaisch-Judische Studien - Beitrage) (German Edition). Monika Schwarz-friesel, Jehuda Reinharz. Published by Walter De Gruyter Inc, 2013. $112.00 pp.444

This innovative empirical study is based on thousands of texts from the contemporary discourse and considers the question of how specific ideas about Jews are put into play and constructed through modern language use in the twenty-first century.  By applying an interdisciplinary perspective combining both historical and cognitive linguistic methods, the authors examine the various verbal manifestations of current anti-Semitism and the mental stereotypes upon which these are based.  Meticulous and careful in its analysis, the documentation gives the reader evidence of modern antisemitism by means of many authentic examples. The authors also give a clear answer to the question at which point an utterance can be regarded as anti-Semitic.  They discuss the criteria that enable one to differentiate between a mere critique of Israeli politics and a form of discourse which takes the cover of freedom of speech but, in fact, is anti-Semitism. This study demonstrates that hostility toward Jews is not merely to be considered a right wing phenomenon but may be found in mainstream society as well. It reveals that, even the experience of the Holocaust and the collective awareness of how dangerous discriminating rhetoric and hate speech can be, do not inhibit the general use and expression of judeophobic language and communication strategies.

Die nicht verstummende Sprache des Hasses

Im Deutschland der Gegenwart flammen immer wieder heftige Debatten auf, die öffentlichen Äußerungen von Politikern, Journalisten oder Schriftstellern über Juden, den Staat Israel und das deutsch-jüdische Verhältnis  folgen. Der Jahreswechsel 2012-2013 wurde von der Kontroverse zwischen dem jüdischen Publizisten Henryk M. Broder (Jahrgang 1946) und dem nicht jüdischen Publizisten Jakob Augstein (Jahrgang 1967) überschattet, als Broder Augstein Antisemitismus vorwarf, weil Augstein seiner Ansicht nach “fortgesetzt Unsinn produziert, bei dem er alle klassischen antisemitischen Klischees und Ressentiments auf Israel projiziert”.  Als das Simon Wiesenthal Centrum (SWZ) Augstein auf seine diesjährige „Antisemitenliste” gesetzt hat, weil er die Grenze der drei „Ds” überschreite, die einen Antisemiten auszeichnen: Doppelter Standard, Dämonisierung, und Delegitimierung der Juden und Israels, waren Verteidiger – vom Präsidium des Zentralrats angefangen bis hin zu der Mehrheit der deutschen Medienvertreter einhellig der Meinung, Augstein sei Unrecht geschehen, er sei kein Antisemit. Einige Monate zuvor war es ein „Gedicht” des greisen deutschen Nobelpreisträgers Günter Grass, der seine Mitgliedschaft in der Waffen SS lange verschwieg und nun schrieb: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.'”, was einen internationalen Aufschrei und die Erklärung von Grass zur persona non grata in Israel zu Folge hatte. Jakob Augstein hat Grass Beifall gezollt.

Nicht vergessen ist nach wie vor der Eklat in der Frankfurter Paulskirche, als der Schriftsteller Martin Walser, der auch der leibliche Vater von Jakob Augstein ist, in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 unter anderem sagte: “Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird.” Die Kontroverse zwischen ihm und Ignatz Bubis, der Walser daraufhin „geistiger Brandstifter nannte”, hatte hohe Wellen geschlagen. Unvergessen sind auch die Skandale wie um den CDU-Politiker und ehemaligen Sächsischen Justizminister Steffen Heitmann, der 1993 in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung über die NS-Vergangenheit Deutschlands sagte: „Ich glaube, daß der organisierte Tod von Millionen Juden in Gaskammern tatsächlich einmalig ist – so wie es viele historisch einmalige Vorgänge gibt. Wiederholungen gibt es in der Geschichte ohnehin nicht. Ich glaube aber nicht, daß daraus eine Sonderrolle Deutschlands abzuleiten ist bis ans Ende der Geschichte. Es ist der Zeitpunkt gekommen – die Nachkriegszeit ist mit der deutschen Einheit endgültig zu Ende gegangen –, dieses Ereignis einzuordnen.” 2003 war es der hessische CDU-Politiker und Präsidentschaftskandidat Martin Hohmann, den die CDU/CSU-Bundestagsfraktion und die Partei anschließend  ausgeschlossen haben. Unter Bezugnahme auf ein Buch eines Johannes von Bieberstein,  Jüdischer Bolschewismus – Mythos und Realität, hatte Hohmann in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit in seinem Heimatort bei Fulda gefragt, ob wegen ihrer Beteiligung an der russischen Oktoberrevolution „die Juden” nicht mit „einiger Berechtigung als Tätervolk” bezeichnet werden könnten. Damals hieß es dazu beispiels- und typischerweise  seitens des damaligen stellvertretenden Vorsitzenden der Unions-Fraktion Wolfgang Bosbach, der den Ausschluss Hohmanns aus der Fraktion ablehnte: „Martin Hohmann ist kein Antisemit. Hohmanns Äußerungen bedienen allerdings ein antisemitisches Vorurteil in der Bevölkerung.” Auch in der Affäre um den langjährigen Vorsitzenden der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, Jürgen W. Möllemann ging es um Antisemitismus. Der prominente FDP-Politiker – unter Bundeskanzler Helmut Kohl Bundesminister für Bildung (1987-1991), Bundesminister für Wirtschaft (1991-1993) sowie Vizekanzler (ab Mai 1992-1993), war ein scharfer Kritiker Israels. Während der Intifada von 2002 äußerte er Verständnis für die Selbstmordattentate der Palästinenser. Möllemann verfocht damals die Aufnahme des früheren Grünen-Politikers in die FDP. Der aus Syrien stammende Jamal Karsli vertrat antisemitische Positionen – z. B. in einem Interview in der dem rechten Spektrum angehörenden Jungen Freiheit, wo er den Einfluss der zionistischen Lobby” beklagte und den Israelis „Nazimethoden” vorwarf. Daraufhin wurde er von Paul Spiegel, dem Präsidenten, und Michel Friedman, Präsidiumsmitglied des Zentralrats als Antisemit bezeichnet, wogegen er erfolglos klagte. Möllemann hatte zudem im Wahlkampf ein Flugblatt verbreitet, auf dem Fotos von Möllemann, Scharon und Friedman zu sehen sind und wo es hieß,  Scharons Regierung schicke, mit Zustimmung Friedmans “Panzer in Flüchtlingslager” und missachte “Entscheidungen des Uno-Sicherheitsrates”. Zugleich versuche der Zentralrats-Vize ihn – Möllemann – als “antiisraelisch und antisemitisch abzustempeln”.  Damit katapultierte sich Möllemann auch im eigenen Lager ins Abseits. 2003 starb er unter ungeklärten Umständen bei einem Fallschirmsprung.

Diese Affären fanden und finden stets ihren Widerhall in den Zuschriften an die jüdischen Organisationen und die israelischen Botschaften. Aber man braucht offenbar keinerlei akuten Nahostkonflikte oder Affären, um die Schreiblust mancher Zeitgenossen anzuregen. Schon 1992, als ich persönliche Referentin des damals zum Vorsitzenden des Direktoriums des Zentralrats neu gewählten Ignatz Bubis wurde, begannen hunderte solcher judenfeindlicher  Zuschriften auf meinem Schreibtisch zu landen. Deren Tenor und Stil waren gleich, und es hat sich offenbar seither nichts geändert, denn gewisse Gruppen in der deutschen Bevölkerung scheinen auf Dauer nicht nur mit den „Juden”, sondern auch mit dem jüdischen Staat ein Problem zu haben. Dass im Februar 2013 auf dem Filmfestival Berlinale ein Film mit einem „Friedenspreis” ausgezeichnet wird, der im Internet einen antijüdischen „Shitstorm” entfachte, ist ein weiteres Indiz für die um sich greifende globale Judeophobie im Kunstgewand. Der Journalist Eldad Beck schrieb dazu: Es sei ein „Film der behauptet, ‘1948 wurde Israel gegründet, damit verschwand Palästina und 500.000 Palästinenser wurden vertrieben, um Platz für jüdische Immigranten zu machen‘”. Der arabische Regisseur des Films hatte Israel die Existenzberechtigung abgesprochen und gesagt, er könne auch in Yad Vashem kein Mitleid verspüren, weil er ständig an die Untaten der israelischen Soldaten denken müsse. Ebenfalls im Februar 2013 wurde von einer internationalen Jury eine Aufnahme zum besten Pressefoto des Jahres 2012 erklärt, welche die Beerdigung von zwei angeblich bei einem israelischen Luftangriff getöteten Kindern im November 2012 in Gaza City zeigt. So war es auch schon 2005 in dem gefälschten Fall des angeblich von israelischen Kugeln vor laufenden Filmkameras getöteten Jungen Mohammad Al-Dura, der auf allen Fernsehkanälen lief und dem Image Israels nachhaltig Schaden zufügte. Die in diesem Zusammenhang entstandenen Begriffe wie „Pallywood” oder „Nakba-Industrie” zeigen die mediale Schieflage, denn bemerkenswerterweise werden m. W. weder Fotos von bei arabischen Raketenangriffen getöteten israelischen Kindern, noch Filme mit einem israelfreundlichen Tenor prämiert. Honi soit qui mal y pense!

Die vorliegende sehr gründliche Studie wurde von Monika Schwarz-Friesel, Professorin für Allgemeine Linguistik and der Technischen Universität Berlin, und Jehuda Reinharz, Professor für Jüdische Geschichte an der Brandeis University, erarbeitet. Sie widmet sich den sprachlich kodierten Antisemitismen, die sie während eines siebenjährigen Forschungsprojekts anhand von über 14.000 E-Mails, Briefen, Postkarten und Faxen, die in den Jahren 2002 bis 2012 an den Zentralrat der Juden in Deutschland und an die Botschaft des Staates Israel in Berlin geschickt wurden, textwissenschaftlich analysiert und erforscht haben. Die Autoren betonen in diesem Zusammenhang: „Statistisch betrachtet lassen sich zur Repräsentativität des von uns untersuchten Korpus bezüglich der Gesamtbevölkerung keine Aussagen treffen”, wiewohl sie unter den Schreibern mehrheitlich „Absender aus der politischen und sozioökonomischen Gesellschaftsmitte” und nur 11% Rechtsextreme ausgemacht haben. Da die Schreiben meist  nicht anonym sind, enthalten sie häufig die Absender- Adresse sowie Alter und Berufsangaben, wie „Abiturienten, Studierende, Anwälte, Journalisten, Ärzte, Pfarrer, Selbständige und Lokalpolitiker, aber auch Professoren”, die in ihren Schreiben zahlreiche Stereotype artikulieren. Aus den untersuchten Texten lassen sich so aufgrund der Analyse der verbalen Mittel und Strategien Denk- und Gefühlsstrukturen der Judenfeindschaft erkennen, die vielfach über Jahrhunderte tradiert wurden und unkritisch übernommen werden. Hinweise auf die politische Einstellung – etwa rechtsextremer Schreiber – lassen sich anhand gewisser Indikatoren ermitteln, etwa Grußformeln, z. B. „mit germanischem Gruß”, extensivem Gebrauch des Attributs „deutsch”, Rassismen, Sprachmuster aus der Zeit des Nationalsozialismus, z. B. „der Jud Scharon”, Einzellexeme  wie „Reichshauptstadt” , „sogenannte BRD”, „Volk”, „Reich” etc.  Es kommen immer wieder Sätze vor, wie „Juden sind dominant im Finanzsektor” oder „Juden beherrschen die Presse”, bis hin zu „Mir wird schlecht, wenn ich an Juden denke” oder „Ekelhaft, das Judenpack!”.  Dass Juden – da traditionell als Gottes- und Kindermörder verunglimpft – selbst am Antisemitismus schuld seien, ist eine gängige Meinung: „Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum kein Land der Welt euch Juden leiden kann? Weil ihr über Leichen geht.”

Die Sprache wird von den Autoren als „Handlungsinstrument”  betrachtet  – denn sie „kann wie eine Waffe benutzt werden, um Menschen Schaden zuzufügen, sie zu kränken, zu beleidigen, zu verunglimpfen, sie auszugrenzen, und ihnen zu drohen”. So entpuppt sich die Sprache der Judenfeindschaft als eine verbale Macht- und Gewaltausübung, die nicht selten in direkter Linie zur physischen Gewalt führt. Man weiß aus der Geschichte der Judenfeindschaft, dass Gerüchte, etwa im Zusammenhang mit angeblichen Ritualmorden von Juden an Christen, zu blutigen Pogromen führten. Der hassschürende Satz von 1879, „die Juden sind unser Unglück!” von einem der der Väter des modernen deutschen Antisemitismus, Heinrich von Treitschke, artikuliert, wurde von den Nationalsozialisten in jeder Stürmer-Ausgabe als Schlagzeile reproduziert und scheint  noch in der Gegenwart im Bewusstsein der Antisemiten präsent zu sein. Im Jahre 2005 enthalten Zuschriften an den Zentralrat Drohungen an die Adresse der Juden: „Wir schlagen euch alle tot!” und z. B 2007 an die israelische Botschaft: „Ich werde alles tun, um meine Mitmenschen gegen Juden aufzuhetzen.” Juden und Israelis werden für die Schreiber zu einem gemeinsamen Feindbild, wie der häufig auf Israel gemünzte Begriff „Apartheid” – „Israel ist ein Apartheidregime” zeigt. Er stellt eine Analogie zwischen einem rassistischen Staat und dem demokratischen Israel her, um kognitiv eine negative Einstellung Israel gegenüber zu bewirken. Dies hatte im März 2012 etwa auch der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel in seinem Facebook-Eintrag getan, was zu heftigen Reaktionen führte.

Juden- und Israelfeindschaft geht oft in einander über, wie wir aus dem kürzlich erschienenen Buch von Wolfgang Kraushaar, München 1970, erfahren. Er hat die unheilige Allianz zwischen deutschen Linken und den Palästinensischen Terroristen dargestellt. Heute sind die Massenmedien nicht unschuldig daran, dass sich nicht zuletzt auch muslimische Jugendliche in Deutschland als Antisemiten betätigen. In ihrer Studie, worin sie an die eigenen Vorarbeiten und an die umfangreiche Forschungsliteratur zum Antisemitismus anknüpfen, zeigen die Autoren „von welch großer Relevanz sprach- und kognitionswissenschaftliche Detailuntersuchungen sind, da sie präzise und nachvollziehbar formale wie mentale Komponenten der Judenfeindschaft aufdecken und Kriterien für die Klassifikation des verbal tradierten Antisemitismus der Moderne liefern.”

Wir wichtig das ist, erwies sich besonders deutlich bei der Diskussion um das „Gedicht” von Günter Grass, Was gesagt werden muss, welches dieser als israel-kritisch und aus Sorge um den Weltfrieden geschrieben deklarierte. Da „Israelkritik” bei Antisemiten beliebt ist und als legitim gilt, haben viele Menschen nicht vermocht, an diesem Text Antisemitisches zu erkennen, obgleich Grass, wie die Autoren hervorheben, darin nahezu alle tradierten judeophoben Klischees bedient. Da aber das Wort Jude von Grass nicht benutzt und die aktuelle Informationskomponente der israelischen Atompolitik in den Vordergrund gerückt wurde, deuteten viele den Text als „nur kritisch”, als „Meinungsfreiheit” und als „Fakt”. Übersehen wurde dabei, dass es sich um realitätsverzerrende und dämonisierende Äußerungen handelt, die alle typischen Kennzeichen eines modernen antisemitischen Textes im Gewand der Israel-Kritik aufweisen. Dies erörtern die Autoren z. B. in Kapitel 7, der dem Anti-Israelismus als moderner Formvariante des Verbal-Antisemitismus, einer modernen „Konzeptualisierung des kollektiven Juden” gewidmet ist. Da Israel „das wichtigste Symbol jüdischen Lebens und Überlebens” für „Antisemiten eine ungeheure Provokation” darstellt,  steht es „seit seiner Gründung im Fokus (rechts-und links)extremistischer Diffamierungskampagnen und Hetzpropaganda”, wie wir es zuletzt auch bei Jakob Augstein gelesen haben. In dem Grass-Gedicht hat der Dichter den atomaren Konflikt zwischen dem Iran und Israel völlig realitätsverzerrend dargestellt, indem er Israel unterstellte, einen atomaren Angriff gegen das iranische Volk zu planen, während er die realen Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gegenüber Israel, den er verharmlosend als „Maulheld” bezeichnete, marginalisiert  hat. Bezeichnend ist, dass Klaus Staeck, der Präsident der Akademie der Künste, Grass wie folgt verteidigte: “Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden” und dass Grass „das Recht auf Meinungsfreiheit auf seiner Seite” habe. Rolf Hochhuth trat daraufhin aus Protest  aus der Akademie aus.

Von den Schreibern werden vielfach etwa „Jüdische Verbrechen in Hebron” angeprangert, wobei Empathieverweigerung gegenüber Juden und Israelis deutlich sichtbar wird. Die Aussage wie „Ich hoffe und wünsche, dass …viele, viele Israelis sterben und ihre Familien leiden müssen” steht häufig in auffälligem Kontrast zu den intensiven Gefühlsbekundungen, die die Schreiber für sich selbst in Anspruch nehmen: Sie „leiden intensiv “, „ sorgen sich so sehr” oder sind „in empörter Rage”, usw. Ein Dipl.-Ökonom aus Bochum schreibt z. B.: „Es ekelt mich an, was Israel z. Zt. im Libanon treibt! Ich würde mich gern vor ihrer Botschaft erbrechen, um zu unterstreichen, was ich von Ihrer Agressionspolitik [sic!] halte…” Häufig sind mit solchen Gefühlsausbrüchen auch Forderungen nach einem „Schlussstrich” verbunden, man will nicht mehr an die „ewige Kollektivschuld” erinnert werden, oder meint, dass „unsere Politiker zu Kreuze kriechen müssen und die dann noch den Steuerzahler viel Geld kosten”… Schwarz-Friesel und Reinharz finden in den antisemitischen Texten eine „Dominanz der irrationalen Dimension” bestätigt, daher sollten nunmehr – im Gefolge von Siegmund Freud – wohl die Psychiater untersuchen, was solche und noch schlimmere Schreiben über den Intellekts- und Seelenzustand ihre Verfasser („es spricht in/aus ihnen”…) aussagen. Angesichts solcher Zeilen wie „Ihr ermordet Palästinenser wie es euch gefaellt, wie es frueher die KZ-Aufseher mit euch gemacht haben. Nur die wurden bestraft!”, wird man an den von Henryk M. Broder popularisierten Ausspruch „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen” erinnert. Der „Schuldabwehr-Antisemitismus” wie er hier zutage tritt wird vornehmlich von deutschen, österreichischen und auch polnischen Judenfeinden vertreten, die gerne das tradierte Stereotyp vom „rachsüchtigen und unversöhnlichen Juden” kodieren.

Es wäre noch Vieles zu erwähnen, denn dies ist ein sehr lehrreiches und reichhaltiges Buch, das künftig nicht nur bei Antisemitismusforschern oder Soziologen, sondern auch bei Intellektuellen, Medienleuten und Politikern zur Pflichtlektüre gehören sollte. Die gelegentlichen Redundanzen fallen einem nur bei einer kursorischen Lektüre des Buches auf, das ansonsten gut lesbar und sogar – wenn man starke Nerven hat – stellenweise beinahe sogar unterhaltend sein kann.

 

Dr. phil. Elvira Groezinger is a founding member and former co-president of the German chapter of SPME. She holds a Doctorate in General and Comparative Literature from the Freie Universitaet Berlin and is the author of many scholarly articles and books mainly on Jewish culture and literature by Jewish authors in East and West.

 

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Elvira Grözinger


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