Er ist wieder da! Nein, er ist immer noch da!

Review of Hitler: Biographie
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Er ist wieder da! Nein, er ist immer noch da!
Hitler. juan Manuel Dominguez. Published by Edimat Libros, 2003.

„Zum Einzigartigen, das mit dem Namen Hitlers verbunden ist, gehört seine unverminderte Gegenwärtigkeit“. (Joachim Fest, 1995)

Die Deutschen kommen von Hitler nicht los! Dabei hatte Hitlers Herrschaft und sein 12 Jahre währendes  „3. Reich“ eine bis dahin nicht gewesene Bilanz von über fünfzig Millionen Toten durch Krieg und Völkermord. Er veränderte das Gesicht Europas und der Welt noch einmal nachhaltig, nachdem schon der Erste Weltkrieg die Welt aus den Fugen gehoben hatte! Seit der schon 1973 erschienenen  Hitlerbiographie von Joachim Fest, die mit ihren 1228 Seiten hierzulande über Jahre als die maßgebliche Darstellung Hitlers und seiner Zeit galt und Neuauflagen erlebte, ließ  das merkwürdige Interesse an der Person des deutschen Diktators nicht nach. Es gab aber auch die vieldiskutierten Studien zu Hitler wie die des 2004 verstorbenen britischen Historikers Alan Bullock – Hitler: A Study in Tyranny von 1952 sowie mehrere Bücher über ihn – zum Beispiel Hitler and Stalin: Parallel  Lives, 1991 – von Ian Kershaw.

2012 kam der satirische Roman Er ist wieder da des deutschen Publizisten Timur Vermes. Darin erscheint der wiedergeborene Hitler im Jahre 2011 in Berlin, er denkt, es ist noch das „3. Reich“, er selbst wird für einen  Schauspieler gehalten, der Hitler spielt, usw. Die Konstellation  erinnert etwas an den Film „Goodbye Lenin“, in dem die aus dem Koma erwachte Frau nichts von der Wende mitbekommen hat und ihr Sohn ihr zuliebe die Wahrheit verschweigt, um bei ihr keinen Schock zu verursachen. Sogleich zum Bestseller avanciert, wurde der Roman auch verfilmt und sogar ins Hebräische übersetzt.  2015 erschien Thomas Sandkühlers Hitler-Biographie (Adolf H. Ein Lebensweg) die als Jugendbuch konzipiert wurde. Und im gleichen Jahr publizierte Peter Longerich seine wiederum monumentale Hitler-Biographie von insgesamt 1296 Seiten, von der im Folgenden die Rede sein wird. Anfang 2016 konnte das Münchener Institut für Zeitgeschichte, da das Urheberrecht erloschen war, nach langjährigen Kontroversen über das Für und Wider eines solchen Vorhabens zwei großformatige Bände von 1966 Seiten herausbringen, die kommentierte Neuauflage von Adolf Hitlers Mein Kampf, über die sich die Geister scheiden. Man fürchtet nicht zu Unrecht, dass obwohl Mein Kampf seit 1945 in einschlägigen Kreisen und im Internet kursierte, die Neuauflage ihm in rechtsextremen Kreisen eine fatale Neuaktualität verleihen könnte, da es nun mit den Weihen der Wissenschaftlichkeit versehen wurde. Das Argument der Herausgeber war, dieses Machwerk und die Person Hitlers des Nimbus zu berauben, das seinem Namen anhaftet. Ob ihnen das gelingen wird, ist zu bezweifeln.

Schon Fest hatte 1995 konstatiert, dass Hitler keineswegs historisch geworden ist,  sondern im Gegenteil dabei ist, ein Mythos zu werden, der für alles Finstere und Abscheuerregende einsteht.  Seither sind neue Erkenntnisse aufgrund von Dokumente und Quellen in Archiven und Bibliotheken, aus denen man schöpfen kann, noch zahlreicher geworden, so dass Longerich diese mit verwenden konnte, um seine Version Hitlers und dessen Zeit nachzuzeichnen. Mein Kampf wurde von ihm natürlich ebenfalls herangezogen wie auch Aussagen von Gefährten und Zeitgenossen. Peter Longerich, Jahrgang 1955, ist Professor für moderne Geschichte am Royal Holloway College der Universität London, Gründer des dortigen Holocaust Research Centre und ist auch seit 2013 an der Universität der Bundeswehr in München als Spezialist für die Geschichte des Nationalsozialismus tätig. Zu seinen Buchpublikationen gehören Politik der Vernichtung (1998), Davon haben wir nichts gewusst! (2006), Biographien über Heinrich Himmler  (2008) und Joseph Goebbels (2010), nun gefolgt von der Hitler-Biographie.

Während Fest Hitlers „exzessiven Charakter“ betont („Niemand hat so viel Jubel, Hysterie und Heilerwartung erweckt wie er; niemand soviel Haß…. Hitlers eigentümliche Größe ist ganz wesentlich an diesen exzessiven Charakter gebunden: ein ungeheurer, alle geltenden Maßstäbe sprengender Energieausbruch.“), ist er für Longerich jemand, der bis zum Ersten Weltkrieg ein „bedeutungsloser Niemand“ war und kein „Genie“, zu dem man ihn stilisiert hatte. Longerich geht in der Analyse von Hitlers Charakter und Werdegang psychologisierend vor. Zuvor hatte er mit Psychoanalytikern und Psychotherapeuten zusammen gearbeitet. Ihm scheint daher plausibel, was Hitler selbst später behauptete, dass die Beziehung zum despotischen Vater der Schlüssel für seine Persönlichkeitsentwicklung gewesen sei; Longerich sieht hierin jedoch auch den starken Einfluss der überfürsorglichen und verwöhnenden Mutter, die früh an Brustkrebs starb. Dabei darf man nicht vergessen, dass Hitler wenig Glaubwürdiges über sein Leben preisgegeben hat, seine Person stets mythologisierte und  mystifizierte.  Doch auch Fest hat schon auf die Herkunft, frühe Prägung und Zeitstimmung als Elemente hingewiesen, die Hitler und seinen „Todesenergie“ erklären, gepaart mit dem Einfluss der kulturpessimistische Tendenzen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dazu gehört Richard Wagner, Hitlers Lieblingskomponist, von dem er die „Schönheitsrituale“ übernommen haben soll. Über Hitler kursieren seit jeher Gerüchte – er habe unter Drogen gestanden, hätte nur einen Hoden, wäre homosexuell usw. Davon erfahren wir hier wenig, diese Spekulationen überlässt Longerich anderen Autoren.

Longerich unterstreicht wiederholt Hitlers depressive Züge, die „Angst vor Kontrollverlust“, die Furcht vor vermeintlichen Bedrohungen und „vor Beschämung, die die Niederlagen für ihn unerträglich machten“. Darauf hatte er übermäßig aggressiv, bis hin zur Vernichtung der ‚Bedroher‘ reagiert. Hitlers „emotionale Unterentwicklung und seine Unfähigkeit, sich an andere Menschen zu binden“ sowie seinen „Mangel an Empathie und Privatheit“ die er mit der „Konstruktion eines öffentlichen Selbst“ zu kompensieren versuchte, verbunden „mit hochfliegenden Plänen und hybriden Phantasien“, waren einer Konfrontation mit der Realität abträglich.  Dieses mühsam erschaffene „öffentliche Selbst“ des Autodidakten mit geringer Bildung, hat dennoch sehr erfolgreich und sehr geschickt die Mechanismen, Strategie und Wirkung der Propaganda zu einzusetzen vermocht. Darüber hinaus gelang es ihm, eine durch die politischen Um- und Zustände in der Nachkriegszeit begünstigte Machtfülle zu erlangen. Woher der frühere „Niemand“ und schwache Schüler Hitler die Fähigkeit hatte, sich später je nach Bedarf als Opfer, wie nach dem gescheiterten Putsch von 1923, oder zunehmend als ein Revolutionär, eine geborener „visionärer Führer“ der neuen nationalsozialistischen Bewegung und gar einer ganzen Nation darzustellen, wird aber letztlich nicht geklärt.

Angesichts des Monumentalität und der Detailfülle in diesem Buch, wird sich diese Rezension auf einen Aspekt, nämlich den des Antisemitismus bei Hitler beschränken. Anders als bei seinen Vorgängern, spielt die Auseinandersetzung damit bei Longerich eine große Rolle. Die frühe Wandlung Hitlers zum Antisemiten wird von ihm anhand des österreichischen Milieus gezeichnet, in dem er sich schon in der Jugend bewegte. Seine ersten politischen Eindrücke bekam Hitler in Linz. Auch orientierte er sich an dem politisch-sozialialen Milieu, zu dem sein Vaterhaus zu rechnen ist. Ohne diesen Kontext sei dies nicht zu erklären, denn Seine beiden politischen Vorbilder waren die prominentesten Antisemiten des Wiener fin de siècle, Karl Lueger (1844-1910) und Georg von Schönerer (1842-1921). Zunächst war sein Antisemitismus eines von vielen Feindbildern, die er bei den Deutschnationalen und Alldeutschen entliehen hatte: Zu der Phalanx seiner vermeintlichen Feindbilder gehörten die Monarchie, der Staatsapparat, der Adel, das Parlament, die katholische Kirche, die Slawen (insbesondere Tschechen), Juden sowie die marxistische Arbeiterbewegung. Fest hat noch die Bourgeoisie dazu gezählt. Der Turnvater Jahn war der Patron der vaterländischen Gesinnung,  die gegen die „Überfremdung“ gerichtet war und ein „germanisches Volksbrauchtum“ pflegte.

Die vermeintliche „Bekehrung“ zum Antisemiten, so Longerich, der den angeblichen jüdischen Einfluß in Presse, Kunst, Literatur und Theater sowie ihren Marxismus anprangerte, war nicht das Ergebnis der eigenen Beobachtung, Lektüre und Reflexion, wie von Hitler kolportiert, denn die angeführten Zeitzeugenaussagen weisen ihn in dieser Phase noch keineswegs als glühenden Antisemiten aus, da sie über verschiedene persönliche Beziehungen mit Juden unterhielt. Longerichs Fazit ist, dass der Antisemitismus ein fester Bestandteil des österreichischen Alltags und als Geschäftsgrundlage der populären Wiener Stadtregierung diente. Der Antisemitismus sei damals also nur eines der zahlreichen Feindbilder Hitlers gewesen. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs herrschte in Deutschland und Österreich ein Gefühl, dass sie sich an der Front gegen eine internationale Front von Feinden befanden, die extreme Fremdenfeindlichkeit und der aggressive Nationalismus steigerten sich. Die Niederlage schließlich, die Österreich und Deutschland von den Feinden zugefügt wurde, entfachte bei Hitler Empörung und Hass vor allem auf die, die er für diese Niederlage verantwortlich machte, in erster Linie die „Führer des Marxismus“ und „die Juden“. Offenbar wurde diese Meinung von Vielen geteilt. Dieser Hass hat sich in der Weimarer Republik verbreitet und wurde zum Movens des „Bolschewiken-“ und Judenhasses mit den bekannten schrecklichen Folgen im „3. Reich“. Die Entwicklung wird in dem Buch sehr detailliert beschrieben. Auch Fest hatte Hitler schon als einen Repräsentanten der Epoche dargestellt, dem der europäische Antisemitismus vor allem in Polen, Ungarn, Rumänien oder den baltischen Staaten über großen Anhang verfügte, aber auch in Frankreich und England verbreitet war, von großem Nutzen war. Das darf allerdings Hitlers einzigartigen eliminatorischen Judenhass nicht relativieren.

Longerich meint, „Hitler ist größer als zuletzt dargestellt.“ Doch Hitler und den Seinen wäre ohne die wachsende Unterstützung durch die „Volksgemeinschaft“ nie gelungen, eine solch gnadenlose Diktatur zu errichten. Zwar hat Hitler seine manipulative Methode im Laufe der Jahre vervollkommnet, die Zuhörer – auch Kirchenleute, Intellektuelle und Gebildete unter ihnen – durch stundenlange Reden mit immer wiederkehrenden Phrasen und Formulierungen einzulullen und auf seine Seite zu ziehen, doch die Bereitschaft, mit der diese aufgegriffen wurden muss aus einer anderen Quelle gespeist worden sein. Besonders verwunderlich ist die Massenhysterie unter den deutschen Frauen, die den unansehnlichen, uncharmanten Mann so enthusiastisch verehrten. So fiel auch sein Juden- und Kommunistenhass auf fruchtbaren Boden.

Longerich grenzt sich von seinen Biographenvorgängern ab, aber will man das Phänomen Hitler von verschiedenen Seiten kennenlernen, sind die Studien von Fest, Martin Broszat und Ian Kershaw nicht überflüssig.  Für Historiker und gut informierte Leser ist das Buch eine sehr nützliche Ergänzung, für diejenigen aber, die Longerichs Werk nicht als Quelle für eigene Forschungsarbeit betrachten, ist der riesige wissenschaftliche Apparat und die minutiöse Nacherzählung der Begebenheiten eher belastend. Wer sich aber tapfer durch das Dickicht der Informationen durchliest, erfährt mehr über den Lebensweg von Hitler und auch, wie unter welchen Bedingungen er das werden konnte, als was wir ihn kennen, nämlich als einen skrupellosen besessenen Eroberer und Massenmörder. Dabei wirkt er nicht übermenschlich – im Gegenteil, wir treffen hier auf einen Kleinbürger mit Megalomanie, Größenwahn, der jedoch Millionen in seinen Bann zu ziehen vermochte. In Brechts Figur des Arturo Ui, dessen Aufstieg doch aufhaltsam gewesen war, ist Hitler in der Tat sehr gut charakterisiert, wobei wir die Mitschuld  der „willigen Helfer und Vollstrecker“ im In- und Ausland nicht aus den Augen verlieren dürfen.

 

Er ist wieder da! Nein, er ist immer noch da!

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Elvira Grözinger


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